Tobias Trosse über personalisiertes Fernsehen
Veröffentlicht am 4. April 2007 um 18:21 Uhr von Carmen Ullrich-Nolte

Tobias Trosse spricht im Track Medien 2.0 über die Zukunft des Fernsehens. Ein Interview.
Warum findet sich auf Ihrer Internetseite der Satz: „The Revolution won’t be televised“?
Tobias Trosse: Das war der Ursprung des Firmennamens und geht zurück auf einen Song von Gil Scott-Heron aus den frühen 70ern in Amerika. Der Song implizierte damals, dass die Revolution der Bürgerrechtsbewegung nicht zu den Leuten nach Hause kommt, sondern dass sie für eine echte Revolution aufstehen und hinter ihren Fernsehern hervorkommen müssen.
Unser Firmenname ist natürlich umgekehrt gemeint: Heute ist die Revolution eine, die auch vom Fernseher übertragen wird und bei der ich sitzenbleiben kann.
Worin besteht die „Revolution“?
Die „Revolution“ ist eigentlich weniger spektakulär, als manche glauben wollen. Das ist ja gerade das Spektakuläre. Konvergenz findet nun endlich statt. Und zwar in erster Linie technisch. Der Fernseher kann bald all das, was der Internet-PC auch kann. Er ist dann quasi ein PC mit einem besonders großen Monitor. Doch er wird anders genutzt. Nämlich so wie heute, zurückgelehnt. Ich interagiere deutlich weniger als auf dem PC, möchte mich unterhalten lassen und habe statt Tastatur und Maus nur eine Fernbedienung mit wenig Knöpfen. Aber das Fernsehprogramm macht mir mehr Freude. Denn es ist auf mich zugeschnitten und wird exklusiv für mich gebündelt.
Was bedeutet Interaktivität in Bezug auf das Fernsehen, und wie ist sie technisch möglich?
Interaktion beim Fernsehen gibt es ja schon länger. Es kommt auf den Level an, über den wir sprechen. Das Zappen mit der Fernbedienung war die erste Stufe. Für mehr fehlte der Rückkanal. Mit dem Internet als Rückkanal hat es nicht so richtig hingehauen, weil der Medienbruch vom Fernseher zum PC zu groß war. Also gab es als zweite Stufe Votings mit dem Telefon und Rückmeldung per Handy und SMS. Heute gibt es z.B. mit „Betty“ die Kreuzung aus Fernbedienung und Handy. Allerdings nutzt das keiner, weil es einfach keiner hat und kennt.
Noch interessanter wird es deshalb, wenn Interaktion direkt an meinem TV-Gerät möglich ist und somit eine natürliche Funktion des Fernsehers wird. Dabei ist es egal, ob über IPTV oder klassisches Fernsehen mit GSM oder DSL als Rückkanal. Spannend wird es, wenn die Interaktion über direktes Shopping oder Kommunizieren mit anderen Nutzern hinaus geht. Dann, wenn meine Interaktion zu einem personalisierten Fernsehen führt.
Wie wird die Rollenverteilung bei Entstehung und Konsum von TV-Inhalten künftig sein?
An der eigentlichen Rolle der TV-Sender wird sich künftig nicht viel ändern. Die Änderungen beziehen sich nur auf die technische Form. Die Aufgabe bleibt gleich: Content produzieren oder aggregieren, auswählen und dem Zuschauer bereitstellen. Neu ist in Zukunft, dass TV-Marken jedem Zuschauer sein persönliches Programm zusammenstellen. Das heißt, dass neben Massen- auch Individualgeschmack bedient werden kann und will. Diese technischen Chancen werden vom TV-Sender auch weiterhin mit den unterschiedlichsten Geschäftsmodellen bewirtschaftet.
Der Zuschauer freut sich über passendere Unterhaltung und Information. Für die genauen technischen Möglichkeiten sind die verschiedenen Nutzungssituationen entscheidend – beim Internet aktiver, beim Fernsehen passiver. Individualisiertes Fernsehen wird die spannendste und bedeutendste Errungenschaft für den Zuschauer.
Welche Rolle spielt user-generated Content dabei?
User-generated Content oder auch Prosumer Content sind Modewörter und werden in punkto Fernsehnutzung massiv überschätzt. User-generated Content wird nur einen geringen Teil ausmachen, und es ist gefährlich, ihn als Allheilmittel zu sehen.
Künftig wird zwar erheblich günstiger produziert, aber weiterhin hauptsächlich von Profis, die das nicht nur aus Spaß machen, sondern von jemandem dafür bezahlt werden. Im Übrigen ist der „user-generated Content“ auf den gängigen Videoplattformen meist lediglich „user-recorded Content“. Und zwar von TV-Sendern, die darin eine Verletzung ihrer Rechte sehen.
Wie finde ich mich in der künftigen Sendervielfalt zurecht?
Jedem Nutzer mit seiner begrenzten Zeit und Fähigkeit zum Konsum von Inhalten steht eine sehr sehr große Menge an Content gegenüber. Es muss gefiltert werden. Bei der Internetnutzung ist das einfach – da habe ich meine Maus zum Auswählen und kann mich über die Tastatur äußern.
Bei der TV-Nutzung ist das die zentrale Herausforderung. Es bedarf intelligenter Verknüpfungen und Verlinkungen sowie deren smarter visueller Umsetzung.
Die Königsdisziplin dabei ist: Personalisierung sollte nicht notwendigerweise die Aufmerksamkeit des Zuschauers benötigen. TV-Nutzung ist lean back und passiv und wird es weitestgehend bleiben. Mein Fernseher oder mein Fernsehsender müssen meine individuellen Bedürfnisse befriedigen, ohne dass ich mit ihnen darüber lange und permanent reden muss.
Dazu braucht es weiterhin kanalisierende Marken, denen ich das als Zuschauer auch zutraue. Die müssen technisch und rechtlich in der Lage sein, meine Wünsche zu kennen, zu verstehen und an den zu mir passenden Content auch ranzukommen. Nur so kann personalisiertes Fernsehen zu einem Massenerfolg werden. Das enorme Potential dazu hat es.
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