Andreas Gerber über Künstliche Intelligenz

Veröffentlicht am 29. März 2007 um 18:02 Uhr von Carmen Ullrich-Nolte

Andreas Gerber, X-aitment

Dr. Andreas Gerber spricht im Track Parallelwelten über Künstliche Intelligenz. Ein Interview.

Was ist „Künstliche Intelligenz“?

Andreas Gerber: Kurz gesagt ist es der Versuch, menschliches oder auch tierisches Verhalten nachzuempfinden, Vorgänge in der Natur abzuschauen und auf den virtuellen Spieler zu übertragen. Wie Gesellschaften zusammenarbeiten, kann beispielsweise gut am Zusammenleben von Ameisen studiert werden. So lassen sich größere, komplexere Probleme wie die Strategieplanung in einem Echtzeit-Strategiespiel oder dynamische Interaktion von Bots in Real-Life-Simulationen besser verstehen.

Sie sagen, die Spieleentwicklung hinkt den Forschungsergebnissen der KI um 15 Jahre hinterher – wieso?

Zunächst einmal ist es bei Spielen wichtig, dass sie „schön aussehen“ – die Grafiken und Sounds müssen stimmen. Für ein realistischeres Spielgefühl kommt dann die Physik dazu. Die KI ist innerhalb der Spielwelt noch eher unterbewertet – man überlässt ihr weniger Rechenzeit, weil die Grafik eben erstmal wichtiger ist. Jedoch zeigen Spieletests deutlich die zunehmende Wichtigkeit einer sehr guten KI in Spielen.

Dann kommt das Budget dazu: Das Budget für Top-Grafik ist natürlich höher, und in der KI muss man dann mit den herkömmlichen Verfahren auskommen. In aktuellen Titeln werden im Schnitt ein bis zwei Personenjahre Aufwand in KI investiert. Damit kann sich kein Spiel hinsichtlich der KI absetzen, und letztlich können nur Standardverfahren implementiert werden, wie sie eben vor 10 Jahren schon eingesetzt wurden.

Um eine KI zu entwickeln, die deutlich zur Verbesserung des Spiels beiträgt und bei der der Spieler ein Wow-Erlebnis hat, müssen viele unterschiedliche KI-Komponenten entwickelt und zu einem System zusammengeführt werden, was letztlich mehr als 20 Personenjahre Aufwand bedeutet. Eine solche KI-Entwicklung können sich nur die wenigsten Entwicklerstudios inhouse leisten.

Wir sind die ersten, die ein solch umfangreiches, durch eine Vielzahl von Werkzeugen angereichertes KI-System anbieten. Durch unsere xait-Engine kann sich ein Entwicklerstudio mit seinem Budget Top-KI einkaufen, ohne ein Heer von Entwicklern dafür einzustellen.

Was ist das Problem mit den aktuellen virtuellen Gegnern?

In den meisten Spielen ist das Verhalten der Spieler fest gescriptet, das heißt: Spielt man mehrmals, reagieren die Figuren identisch, und alles wirkt fix. Dieses Verhalten wollen wir dynamisieren, aber natürlich für die Game-Designer auch kontrollierbar halten.

„Die Siedler“ ist ein Spiel mit Multiagenten-Technik von X-aitment. Was ist ein Multiagent, wie funktioniert er und worin bestehen die komplexeren Strategien der Spieler?

Ein Multiagentensystem besteht aus mehreren gleichartigen oder unterschiedlich spezialisierten handelnden Einheiten/Bots, die kollektiv ein Problem lösen. Man spricht auch von verteilter Künstlicher Intelligenz. Ähnlich einem Ameisenstaat, bei dem Ameisen unterschiedliche Aufgaben wahrnehmen und als Kollektiv intelligent handeln, ist es bei Multiagenten-Systemen.

In einer Formation z.B. hat also jedes Mitglied seine individuelle Aufgabe, jeder Agent ist für seine Rolle verantwortlich, beispielsweise für das Finden des Weges um ein Hindernis herum. Ein Teamleader gibt dann nur noch die relative Position für jedes Mitglied vor, plant jedoch nicht die Reaktion des Individuums. Somit lassen sich komplexe Abläufe auf Bots in Spielen einfach übertragen und führen zu einem natürlichen Verhalten.

Welche Rückschlüsse lassen sich mit KI auf das reale Leben ziehen?

Zusammen mit Psychologen lassen sich Rückschlüsse ziehen auf menschliches Gruppenverhalten und darauf, wie sich Gesellschaften entwickeln können. In 2003 war das ein heißes Thema, in der Dotcom-Boomphase, beispielsweise bei letsbuyit.com: Persönliche Agenten, die den menschlichen User im virtuellen Handel vertreten, haben temporäre Teams/Koalitionen gebildet und so in verschiedenen Auktionshäusern nach den günstigsten Angeboten gesucht und entsprechend den Vorgaben des Users intelligent mitgeboten.

Weitere Anwendungsmöglichkeiten sind Verkehrsfluss-Simulationen in der Städteplanung, Evakuierungsszenarien von Stadien für den Katastrophenschutz, Simulation des Kundenverhaltens in wirtschaftlichen Märkten, Trainingssysteme etc.

Bislang haben wir eher von den Chancen der KI gesprochen – gibt es auch Risiken?

Das technische Risiko besteht natürlich darin, dass zuviel versprochen wird, was nicht gehalten werden kann. Als die KI in den 70er Jahren aufkam, hoffte man einen Algorithmus zu finden, der alle Probleme lösen kann – den gab es natürlich nicht. Das Risiko ist also, dass man zuviel erwartet. Ein KI-System ist letztlich auch „nur“ ein Programm, das wie jede andere Software den technischen Einschränkungen aktueller Hardware unterliegt.

Und what's next?

KI und virtuelle Welten hängen stark zusammen. Realität und KI verschmelzen immer stärker, so dass der Mensch in naher Zukunft nicht mehr unterscheiden kann, ob er mit Menschen oder einem KI-System interagiert.

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